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Ein Berliner auf Liegerad-Tour

Berlin-Bremen Tag 3/3

Nach einem guten Frühstück mit frischem Obst im Hotel “Deutsches Haus” mache ich mich von Munster mit frischer Kraft auf den Weg nach Bremen. Für heute sind nur 120 Rückenwind-Kilometer geplant, so kann ich ohne zu hetzen zu gemäßigter Zeit starten. Die Radweit.de Route führt zunächst einige wenige Kilometer entlang der B71. Diese ist heute am Ostersonntag zwar etwas stärker befahren, dank parallelem Radweg mit gutem Asphalt bleiben die Nerven jedoch entspannt. Dennoch bin ich froh, als die Route in den Wald abbiegt und der Autolärm endlich abebbt. Es folgen kurze Schotter- und Kopfsteinpflaster-Abschnitte, die ich aber mangels Alternativroute akzeptieren kann.


Kurze Zeit später geht es in gewohnter Radweit-Qualität auf einem kleinen Wirtschaftsweg (oder sollte ich “Radweg deluxe” schreiben?) weiter nach Dittmern.

Von den vielen kleinen Dörfern bleibt bei mir nichts weiter hängen, die Straßen sind allerdings fantastisch. Guter Asphalt, Autos nur sehr selten und sogar Bäume am Straßenrand. Ich beobachte allerdings ein merkwürdiges Phänomen: oft kommt genau in dem Augenblick ein Auto, wenn ich eine Hauptstraße quere. Murphys Gesetz.

Vor Wittorf kommt ein kurzer, gut fahrbarer Schotterabschnitt, der fast 3 km Umweg einspart. Wieder einmal bin ich froh, von den schmalen Rennreifen zu den 40 mm breiten Marathon Racer gewechselt zu sein. Diese bringen auf solchen Wegen deutlich mehr Fahrstabilität und fühlen sich auf Asphalt nicht wirklich langsamer an.

Warum dieses Dorf so heißt, wird mir klar, als mir auf dem Radweg ein Mofa(!) entgegen kommt. Entrüstet brülle ich den Fahrer an, der nur abwinkt. Später sehe ich irgendwo einen Radweg mit “Mofa frei” Schild, das würde es erklären, auch wenn sich mir der Sinn nicht erschließen will.

Kurz vor der A1 Überführung wird es nochmal kurz schotterig, aber gut fahrbar.

Die unerwartete Baustelle an der A1 lässt nichts Gutes ahnen, aber ich lasse mir doch meine Route nicht von einem solch lächerlichen Hindernis blockieren.

Auf der anderen Seite der Brücke wird mir allerdings klar, warum ich bei der Routenplanung am PC an dieser Stelle Probleme hatte. In der OpenStreetMap ist diese Stelle als unpassierbar markiert. Die südliche Umfahrung über Bassen stellt glücklicherweise keinen riesigen Umweg dar. Ich komme noch kurz ins Gespräch mit einem Einheimischen, der das gleiche wie ich versuchte. Nach seiner Aussage würde die Brücke schon “seit Monaten” nicht fertiggestellt. Wieder mal eine Baufirma pleite gegangen?

Hinter Bassen wird es gleich wieder idyllisch, der Raps fängt gerade an zu blühen. Hoffentlich nicht um als “Bio”-Sprit E10 verschwendet zu werden, denke ich mir.

Bis zum Stadtgebiet von Bremen folge ich noch Radweit.de, dann biege ich auf meine eigene Route ab, um das Stadtzentrum nördlich zu umfahren. Meine Privatunterkunft befindet sich in Bremen-Lesum und ich möchte die schöne Strecke auf dem Lesum-Deich durchs Blockland mitnehmen. Ich scheine einen “guten Riecher” führ die Route gehabt zu haben, denn die Qualität kann es durchaus mit Radweit aufnehmen.

In Bremen fallen sofort angenehm die vielen Radfahrer auf. Immerhin werden in Bremen mehr als ein Viertel aller Wege mit dem Rad zurückgelegt, zudem ist gerade Ostersonntag. Eine Szene werde ich nie vergessen: eine Oma auf dem Rad blockiert die gesamte Fahrspur, hinter sich einen Tross aus Bus und PKWs. Niemand hupt!

Der Abschnitt auf dem Lesum-Deich ist für mich der touristische Höhepunkt dieser Etappe. Einzelne kleine Fachwerkhäuser drängen sich an den Deich, von dem aus ein weiter Blick über die Landschaft möglich ist. Ich fahre gemütlich, um alles auf mich einwirken zu lassen. Durch die vielen Radler wäre hier ohnehin kein schnelles Vorrankommen möglich.

Im Tiefflug gleite ich über das Blockland – in diesem Augenblick kann es nichts Schöneres geben.

Hier erfüllt sich auch endlich meine Hoffnung, mal ein anderes Liegerad auf dieser Tour zu sichten. Vermutlich ein Hase-Trike. Ich bin so damit beschäftigt, schnell die Kamera zu zücken, dass ich nicht zurück grüßen kann. Die Enttäuschung darüber steht dem Anderen ins Gesicht geschrieben.

Die Lesum hat gerade Niedrigwasser, so dass die Ausläufer teilweise komplett trocken fallen. Obwohl Bremen noch über 50 km von der Nordsee entfernt ist, haben die Flüsse Weser und Lesum immer noch einen Tidenhub von mehreren Metern – faszinierend.

Bei meiner Privatunterkunft bin ich zum Abendessen angemeldet, aber noch etwas zu früh dran. So gönne ich mir noch ein Radler und ein hervorragendes Stück selbstgebackene Erdbeertorte im Hotelrestaurant “Zur Nordseite”, an der – nun – Nordseite der Lesum.

Die letzten paar Kilometer rolle ich weiter entlang der Lesum und bin fast ein bisschen traurig, dass die – bisher schönste – Tagesetappe schon zu Ende ist. Andererseits war es ein herrlicher Tag, an dem es nun wirklich nichts zu bedauern gab. Den Trip nach Bremen werde ich sicher nochmal wiederholen.

 

Download Track (GPX) – Route basiert auf Radweit.de (Berlin-Bremen), mit eigenen Anpassungen

 

 

 

 



2 Kommentare zu “Berlin-Bremen Tag 3/3”

  1. velolars schreibt:

    Moin,

    schöner Bericht, schöne Fotos! Da kriegt man richtig Lust auf eine Radtour. Ich wünschte manchmal ich hätte mehr Zeit… 🙂

    Viele Grüße

    Lars

  2. Santossa schreibt:

    Lieber Radler! Das war nicht die Lesum, sondern die Wümme! Trotzdem hast du Recht. Du hattest einen guten Riecher. Ich halte es für die schönste Radstrecke Bremens – sogar in der Nacht.
    Gedenke umgekehrt, von HB nach B zu radeln.
    Gruß
    Santossa

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