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Ein Berliner auf Liegerad-Tour

Berlin-Bremen +1 (Norddeich)

Eigentlich wollte ich ja nur bis Bremen fahren. Drei Tage am Stück und dann ersteinmal von den “Strapazen” erholen. Ich habe aber noch zwei Tage frei und irgendwie juckt es mich doch in den Beinen, noch etwas weiter zu fahren. Es bleibt bei konstantem Ostwind und so ist es relativ logisch weiter gen Westen vorzustoßen. Es gibt eine Radweit.de-Route von Bremen nach Norddeich und somit ist das Ziel schnell klar. Ein schöner Trip durch das Ostfriesland bis an die Nordsee soll es werden. Leider habe ich die Radweit-Route nach Norddeich nicht im GPS, so drucke ich mir einen klassischen “Analog-Track” auf Papier aus.


Die Speedmachine ist schnell gesattelt. Ich bin allerdings recht spät dran, so dass ich erst weit nach 10 Uhr starte. Nur kein Stress, der Tag ist lang.

Es kommt zu einer weiteren Abfahrtsverzögerung durch einen ungeplanten Materialtest mit meinem Neffen als Beifahrer. Die Speedmachine fährt sich jedoch trotz der großen Zuladung ausgesprochen gutmütig. Die Beschleunigungswerte sind zwar stark reduziert aber das gute Verhältnis gefederter zu ungefederter Masse führt zu exzellentem Fahrkomfort. Auch langsam fährt sich die Speedmachine absolut stabil.

Endlich geht es wirklich los und nach Überquerung der Weser mit der Lemwerder-Fähre fahre ich zunächst auf der linken Seite der Weser ein Stück am Deich entlang. Diesen Abschnitt kenne ich schon, man kann hier auch gut noch weiter an der Weser entlang Richtung Bremerhaven fahren (besser als auf der rechten Seite der Weser). Heute lautet mein erstes Zwischenziel Oldenburg, um von dort auf die Radweit-Route einzuschwenken.

Es ist immer wieder faszinierend, mit welch kreativer Fantasie Ortsnamen erfunden werden. Hier gibt’s allerdings nichts zu “motzen” sondern gut fahrbare Radstrecke bei bestem Sommerwetter. Nach Oldenburg fahre ich auf der kürzesten Route, die mein GPS berechnet, auf der Landstraße nördlich des “Hollersiels”. Eine schönere, aber etwas längere Route führt wahrscheinlich an dessen Südseite entlang, die muss ich nächstes Mal ausprobieren.

Aber auch die Nord-Route wird kurz vor Oldenburg noch sehr idyllisch, wo man auf einem perfekten Radweg abseits der Straße fahren kann. In Oldenburg mache ich einen kurzen Stopp am Bahnhof um meine Rückfahrt nach Berlin für den nächsten Tag zu regeln. Leider werde ich von Norddeich bis Hannover einen Regional-Express nehmen müssen, da für IC so kurzfristig keine durchgängige Fahrrad-Reservierung mehr möglich ist. Oldenburg selbst finde ich nicht sehr sehenswert, ich habe aber auch keine “Sightseeing”-Abstecher gemacht.

In Bad Zwischenahn mache ich einen Abstecher zum Zwischenahner Meer. Das “Meer” entpuppt sich nur als mittelgroßer See, denn im Niederdeutschen bedeutet “Meer” auch genau das. Für einen Berliner etwas verwirrend, aber eigentlich ziemlich konsequent, denn es heißt ja auch “Ostsee” und nicht “Ostmeer”. Hinter Bad Zwischenahn verfahre ich mich leicht, denn ich bin die klassische Navigation mit Papierkarte überhaupt nicht mehr gewohnt. Später lerne ich durch Zufall eine neue Funktion meines Navis (GPSMap 60csx) kennen, mit der sich auch direkt am Gerät relativ schnell eine Route zusammenklicken lässt. Ich übernehme die Radweit-Route vom Papier ins Gerät und kann von da an endlich wieder flüssig durchfahren.

Bis zum Landkreis Leer (Ostfriesland) ist die Route relativ eintönig, dann kommt endlich wieder etwas Leben in Form dieser pelzigen Nutztiere in Sicht.

Auch landschaftlich wird es wieder etwas interessanter, viele von den Gezeiten beeinflusste Kanäle durchziehen hier das Land.

Bei Hesel macht die Radweit-Route einige größere Schlenker, um die B72 / L24 (Autobahnzubringer, oben im Bild) zu umgehen. Hier würde ich nächstes Mal in den sauren Apfel beißen und statt des Umwegs lieber die direkte Route wählen (ca. 4-5 km auf dieser Straße).

Die Fehnsiedlungen (hier Jheringsfehn) machen den Reiz dieses Abschnitts aus. Hier treffe ich innerhalb eines Ortes auch auf den ersten (und einzigen) Autofahrer seit Berlin, der mir unbedingt demonstrieren muss, wie gut seine Hupe funktioniert. Vielleicht wollter er auch einfach nur das “komische Fahrrad” grüßen? In Ostfriesland kann ich mir alles vorstellen – schließlich kommt Otto von hier.

Hinter Warsingsfehn bekomme ich einen ersten Eindruck, wie es ab hier weitergeht.

Endlose Weiten, immer wieder von Wasserläufen durchbrochen. Einsam, streckenweise wirklich sehr einsam. Herrlich! Leider scheint man hier Ziegelsteinwege zu mögen, Asphalt ist eher die Ausnahme, wenn man abseits der größeren Landstraßen unterwegs ist. In Oldersum an der Ems mache ich eine Rast und überlege, ob ich mir nicht langsam ein Quartier suchen sollte. Es geht auf 19 Uhr zu – um noch im Hellen bis Norddeich zu fahren, ist es eigentlich zu spät, zumal der Wind mittlerweile auf Nordost gedreht hat. Ich habe auch schon über 100 km auf dem Tacho und könnte es “eigentlich” genug sein lassen. Ich habe aber Lust, noch weiterzufahren und vielleicht bin ich auch die dreieinhalb Tage gemütliches Rückenwindfahren langsam überdrüssig.

Und so mache ich mich wieder auf den Weg. Es ist für mich immer besonders reizvoll, in den Sonnenuntergang zu fahren.

Meine Route führt über einen Bahnübergang. Die Schranke ist unten. Ich warte und nach kurzer Zeit kommt ein Regionalexpress vorbei. Der Zug ist durch, die Schranke bleibt unten. OK, denke ich mir, da wird wohl noch irgendwas aus der Gegenrichtung kommen. Nach fünf Minuten tut sich nichts und auch nach geschlagenen zehn Minuten bleibt die Schranke weiter unten. Langsam kommt mir das Ganze merkwürdig vor. Bevor ich jedoch dazu komme, zu überlegen wie ich das Hindernis unautorisiert überwinden kann, kommt eine Joggerin vorbei. Ihre erste Frage: “Haben Sie auf den Knopf gedrückt?” Nein, welchen Knopf denn und wieso überhaupt? Mir dämmert etwas. Die Joggerin drückt auf den unscheinbaren, fünf Meter vor der Schranke am Straßenrand befindlichen ominösen Knopf. Es ertönt eine Stimme aus dem Off: “Achtung, die Schranke wird geöffnet!”. Und die Schranke öffnet sich tatsächlich. Hier hätte ich also wirklich “auf Godot warten” können, wäre nicht zufällig die Joggerin, mein Engel, meine Retterin vorbeigekommen. Bei uns in Berlin gibt es so etwas nur bei manchen Straßenampeln, im Volksmund “Bettelampel” genannt, weil man durch Knopfdruck darum “betteln” muss, dass die Ampel grün wird. Hier in Ostfriesland gibt es offensichtlich “Bettelschranken”! Ostfriesland eben.

Normalerweise können die Dinger ja echte Motivationskiller sein, wenn sie in die falsche Windrichtung zeigen. Windräder meine ich. Heute wecken sie aber meinen Kampfgeist, spornen mich an, jetzt erst recht dem Wind zu trotzen. Zum Abschluss der Tour nochmal alles zu geben. Kleinere Ortschaften fliegen vorbei, selten mehr als drei Häuser auf einem Fleck.

Die Erde dreht sich für heute endgültig aus dem Blickfeld der Sonne und ich beschließe, die letzten paar Kilometer bis Norddeich der Landstraße und nicht, wie ich ursprünglich vorhatte, der Küstenlinie zu folgen. Morgen ist auch noch ein Tag.

In Norddeich angekommen schnappe ich mir das erstbeste Hotel, dass keine Kastenbetten (bei meiner Körperlänge tödlich) aufweist und falle dankbar in den Schlaf. Wow, denke ich mir noch, was für eine Etappe.

 

Download Track (GPX)  – Route frei nach Radweit.de (Oldenburg-Norddeich), mit eigenen Anpassungen



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