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Ein Berliner auf Liegerad-Tour

Sternfahrt Berlin 2012

Sonntag, 7 Uhr morgens. Der Wecker klingelt erbarmungslos. Es muss einen gewichtigen Grund geben, etwas in der Klasse von “die Welt retten” (je nach Gusto auch “die Weltherrschaft übernehmen”). Die Fahrradsternfahrt zählt definitiv dazu!

Mit einem Semi-Tieflieger wie der Speedmachine fühlt man sich inmitten hunderter Aufrechtradler doch etwas verloren und so habe ich mich entschlossen, diesmal wieder im “Liegerad-Block” mitzufahren. Ich bin mit ein paar anderen Liegeradlern um 8:30 Uhr in Spandau verabredet. Zusammen wollen wir die knapp 35 km zum Sternfahrt-Startpunkt Werder radeln.

Ich bin etwas spät dran, als ich kurz vor 8 losfahre. Glücklicherweise habe ich bereits einen Track im Navi, dem ich nur hinterherzufahren brauche. 15 km sind es bis Spandau, ich werde halbwegs pünktlich sein, wenn ich einen 35er Pace durchziehe. Auf den noch leeren Straßen rast fährt es sich gut.

Bis Spandau kommt so ein 27er (brutto) Schnitt zusammen. Nicht schlecht für meine Verhältnisse und 10°C kalten Gegenwind.

Ich werde bereits erwartet und so geht es ohne große Verzögerung weiter – mit einem gemäßigten 30er Pace. Für Andi, der die Tour auf seinem Eigenbau-Tieflieger leitet, wahrscheinlich eine Kaffeefahrt. Für mich auf der Speedmachine ein flottes aber noch durchaus angenehmes Tempo. Norbert, den ich schon von früheren Touren kenne, ist seinem “Hoppi” (HP Velotechnik Grasshopper) treu geblieben. Ein weiterer Kollege ist auf einem Streetmachine-ähnlichem Rad unterwegs.

Die Vielfalt an Fahrzeugen, die bei solchen Liegerad-Treffen zum Vorschein kommt, ist immer wieder spannend.

Wir fahren auf einem kleinen Umweg über die Felder bei Gatow, so dass ich auch noch ein paar Blümchen ablichten kann. Der Mohn steht in voller Blüte und so sind viele Felder mit hunderten roten Tupfern verziert.

Das schöne an solchen geführten Touren ist, dass man auch mal neue Strecken kennenlernt, auf die man sonst vielleicht nicht ohne Weiteres kommen würde.

Die Potsdamer Innenstadt umfahren wir über Neu Fahrland, Nedlitz, Bornim und überqueren die Havel schließlich über die Eisenbahnbrücke (RE1) bei Wildpark West.

Wir kommen genau rechtzeitig in Werder an. Die Sternfahrt startet hier als noch recht übersichtliches Häufchen von vielleicht 100 Radlern. Nach einer Demo sieht es noch nicht wirklich aus, es könnte auch eine etwas größere ADFC Tour sein.

Über Geltow fahren wir nach Kaputh, um mit der Fähre über die Havel überzusetzen. Unser Grüppchen passt komplett auf die Fähre, während die Blechdosen-Schlange warten muss. Ein bisschen Schadenfreude gehört heute dazu.

Bis Potsdam geht es relativ ereignislos und – noch – recht zügig vorran. Ab Potsdam wandelt sich die “Radtour” langsam zur Demo.

So lässig wie auf dem obenstehenden Bild wäre ich als Kind auch gerne mal chauffiert worden – während man den Anschein erwecken kann, als würde man einen erheblichen Beitrag zur Fortbewegung leisten. Die junge Dame auf dem Bild hat den Trick anscheinend noch nicht so ganz raus.

Traditionell führt ein Teilstück der Berliner Sternfahrt über die Avus (Stadtautobahn). Das ist immer wieder ein großer Spaß, doch vorher heißt es warten, bis sich die tausenden Radler, die bereits an der Auffahrt stehen, hindurchgequetscht haben. Das lässt sich wohl nicht besser organisieren.

Die leere Avus ist für mich ein surrealer Anblick. Es kommt fast ein wenig Endzeitstimmung auf. Vielleicht ist dieser Zustand gar nicht so weit entfernt, wenn “Peak Oil” zuschlägt und die Spritpreise in astronomische Höhen steigen.

Endlos zieht die Avus ihre Schneise durch den Wald. Eigentlich unglaublich, was für riesige Landschaftsflächen dem motorisierten Individualverkehr geopfert werden. Mit dem Rad nimmt man diese Dimensionen noch viel stärker wahr. Wie viele Bäume hier wohl abgeholzt wurden?

Ich “kämpfe” mich nach vorne, in der Hoffnung noch den ein oder anderen Bekannten zu sichten. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass diesmal ziemlich wenige Liegeradler dabei waren. Aber vielleicht haben die sich auch auf andere Routen verteilt. So einen richtigen Boom wird es bei Liegerädern aber wahrscheinlich nie geben. Auch der “Trike-Hype” ist meiner Ansicht nach völlig überbewertet.

Dafür sichte ich zum ersten Mal in Berlin (und überhaupt in real) ein Velomobil. Es ist ein Quest – eines der schnelleren Velomobile. Ein heißes Geschoss, eine “human powered” Rakete auf drei Rädern.

Pünktlich zum Ende der Sternfahrt fallen die ersten sporadischen Regentropfen. Ich schlage die Option zur noch halbwegs trockenen Heimfahrt aus und lasse stattdessen zusammen mit einigen anderen Liegeradlern die Sternfahrt bei einem gemütlichen Bier ausklingen.

Als ich wieder zu Hause ankomme, stehen 101 km mehr auf dem Tacho.

 

Sternfahrt Berlin 2012 GPX-Track



Ein Kommentar zu “Sternfahrt Berlin 2012”

  1. Andi Erben schreibt:

    Hallo

    Vielen Dank für den sorgfältigen und vielseitigen Bericht ! Ich empfand die Runde auch wieder als sehr angenehm. Sogar meine Rückfahrt nach Spandau, durchgehend im Regen, war erträglich.

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